Taucher steigen bei Regen in den Vierwaldstättersee, am Ufer steht eine Person mit einem Regenschirm.

Tauchplatz Rütenen an einem verregneten, stürmischen Frühlingstag.

Bei jedem Wetter ins Wasser – ausser wenn es blitzt

Regen stört unter Wasser kaum, im Sommer bringt er sogar Fisch. Nur bei einer Wetterlage geht niemand rein – und der Grund ist nicht der, den die meisten vermuten.

Wenn es regnet, bleibt das Ufer leer. Für Taucher ändert das wenig – nass wirst du ohnehin. Es gibt genau eine Wetterlage, bei der wir nicht ins Wasser gehen, und Regen ist es nicht.

Regen bringt im Sommer sogar Fisch

Von unten sieht Regen gut aus: Die Oberfläche wird zu einer Fläche aus Einschlägen und Ringen, das Licht wird weich. Und im Sommer ist an Regentagen oft mehr los als bei Sonnenschein. Gedämpfte Helligkeit, eingeschwemmtes Material aus den Bächen, Sauerstoff im bewegten Wasser – wir sehen an solchen Tagen regelmässig mehr Fisch im Flachen als an heissen, stillen Nachmittagen. Offenbar geniessen sie es. Fragen konnten wir sie bisher nicht.

Was der Regen kosten kann, ist Sicht: Nach starken Niederschlägen tragen Bäche Material in den See. Deshalb lohnt sich vorher ein Blick auf die Livecams am Hausriff.

Wind ist das ehrlichere Problem

Wind verändert mehr als Regen. Er macht den Ein- und Ausstieg über die Steine rutschig, treibt dich an der Oberfläche ab und kühlt einen nassen Anzug in Minuten aus.

Wir schauen vor einem Tauchgang deshalb eher auf die Windprognose als auf die Regenwahrscheinlichkeit. Ein grauer, windstiller Tag ist oft angenehmer als ein sonniger mit Bise. Die Bise hat noch nie jemandem einen schönen Tauchtag beschert.

Die Ausnahme: Gewitter

Hier hört der Spass auf. Das Divers Alert Network, die internationale Sicherheitsorganisation der Tauchszene, ist unmissverständlich: Bei Gewitter gehört man nicht ins Wasser. Auf dem Wasser ist man schnell der höchste Punkt weit und breit, und Strom breitet sich über die Oberfläche über beträchtliche Distanzen aus.

Dazu kommt: Ein Gewitter muss nicht über dir stehen, um gefährlich zu sein. Blitze schlagen regelmässig mehrere Kilometer neben der Zelle ein, bei blauem Himmel darüber. Wer wartet, bis es über ihm kracht, hat zu lange gewartet.

Wie sich die Spannung im See verteilt

Der Strom fliesst nicht als Strahl in die Tiefe. Er breitet sich vom Einschlagpunkt aus wie ein Trichter: oben an der Oberfläche weit, nach unten schmaler werdend. Die Stromdichte ist dort am höchsten, wo der Blitz auftrifft, und nimmt mit jedem Meter Abstand rasch ab.

Genau deshalb treiben nach einem Gewitter nicht überall tote Fische. Drei Gründe kommen zusammen:

  • Die Energie verteilt sich vor allem entlang der Oberfläche und wird mit der Entfernung schnell schwächer.
  • Fische sind klein. Über einen zehn Zentimeter langen Körper fällt viel weniger Spannung ab als über einen 1,8 Meter langen Menschen.
  • Sie stehen meist tiefer, also ausserhalb der Zone, in der es zur Sache geht.

Fische unmittelbar am Einschlagpunkt überleben nicht. Aber diese Zone ist klein und der See ist gross.

Auf Tiefe ist nicht die Spannung das Problem

Das ist der Punkt, den die meisten falsch einschätzen. Wer tief steht, ist vor der Spannung weitgehend sicher – nicht aber vor dem Druck.

Ein Blitz erhitzt seine Umgebung in Sekundenbruchteilen auf mehrere zehntausend Grad. In Luft entsteht dabei der Donner. Trifft er Wasser, verdampft dieses schlagartig, und es entsteht eine Druckwelle. Der Rechtsmediziner Ryan Blumenthal hat diese Druckwirkung 2016 als eigenen Verletzungsmechanismus des Blitzes beschrieben; bei Blitzopfern finden sich regelmässig stumpfe Traumata und Barotraumata.

Unter Wasser wirkt das anders als an Land, weil Wasser Druck fast verlustfrei überträgt. Betroffen sind die gasgefüllten Räume des Körpers: Ohr, Nebenhöhlen, Lunge. Das Trommelfell gilt als empfindlichstes Gewebe – Rupturen treten noch in beträchtlicher Entfernung von einer Druckquelle auf.

Ein geplatztes Trommelfell ist unter Wasser nicht nur schmerzhaft. Dringt kaltes Wasser ins Mittelohr, kann heftiger Schwindel auftreten, mit Übelkeit, in der Tiefe, mit einem Automaten im Mund. Das ist die eigentliche Gefahr.

Und wenn dich ein Gewitter unter Wasser überrascht?

Das kommt vor. Man taucht bei bedecktem Himmel ab und hört unten ein Grollen, das sich falsch anfühlt.

Die Versuchung ist, unten zu bleiben, weil ein Blitz nicht tief eindringt. Das stimmt für die Spannung – löst aber das Problem nicht. DAN hält fest, dass Untenbleiben in den meisten Situationen nicht praktikabel ist: Atemgas, Nullzeit, Körpertemperatur und Kondition sind die härteren Grenzen. Die Luft geht aus, bevor das Gewitter durch ist. Sie hat noch nie auf das Wetter Rücksicht genommen.

Damit bleibt das eigentliche Problem: Irgendwann musst du hoch, und oben ist genau die Zone, die du meiden willst. Als Möglichkeit nennt DAN, auf sechs bis neun Metern weiterzutauchen, wenn man weit vom Ufer entfernt ist und das Gewitter absehbar kurz – aber nur, solange alle Regeln sicheren Tauchens eingehalten werden können.

Deshalb passiert das Wichtigste vorher: Wetter anschauen, den Tauchgang so planen, dass er endet, bevor die Zelle da ist, und im Zweifel gar nicht einsteigen.

Was das für unsere Kurse heisst

Wir tauchen das ganze Jahr, bei Regen, Nebel, Schnee und Kälte. Was wir nicht tun: bei Gewitter ins Wasser gehen oder einen Termin um jeden Preis durchziehen.

Wer bei uns einen Kurs macht, lernt das mit. Wetter lesen, Bedingungen einschätzen, absagen können – das gehört so selbstverständlich dazu wie Tarieren.

Der Rest ist eine Frage der Ausrüstung. Mit dem richtigen Anzug ist ein Regentag am Hausriff einer der ruhigsten im Jahr. Und im Sommer einer der lebendigsten unter Wasser.