Über dir ist alles zu. Kein Aufstieg, keine Oberfläche, keine Alternative – es gibt genau einen Weg hinaus, und der ist das Loch, durch das du gekommen bist. Deshalb hängt an jedem Tauchteam unter dem Eis eine Leine.
Eine Leine für zwei, nicht zwei Leinen
Das ist der erste Punkt, der überrascht: Nicht jeder Taucher hat seine eigene Verbindung zum Loch. Das Team teilt sich eine einzige Leine. Der eine ist am Ende befestigt, die Leine läuft an ihm vorbei weiter zum Partner, der zwei bis drei Meter davor hängt.
Der Grund ist so einfach wie überzeugend: Zwei Leinen verheddern sich. Eine nicht. Sind zwei Teams gleichzeitig im Wasser, achtet man zusätzlich darauf, dass sich ihre Leinen niemals kreuzen.
Wer vorne hängt, überwacht die Signale – deshalb ist das der erfahrenere von beiden.

Drei Züge, und du fährst Schnellzug
Die Leine dient nicht nur dazu, den Weg zurück zu finden. Sie ist die einzige Verbindung zur Oberfläche, und sie funktioniert in beide Richtungen. Die Sprache dazu ist kurz:
- ein Zug: lass Leine nach
- zwei Züge: alles in Ordnung
- drei oder mehr Züge: zieht uns sofort raus
Jedes Signal wird bestätigt, indem der Empfänger dasselbe zurückgibt. Alle ein bis zwei Minuten kommt ein «OK» von unten. Bleibt es aus, wird es ernst.
Kommen drei Züge, ziehen die Leute am Loch. Nicht sanft, sondern Hand über Hand oder indem sie die Leine packen und damit vom Loch weggehen.
Das ist dann wie der Schnellzug von Luzern nach Zürich. Genau das üben wir auch im Kurs – wie es sich anfühlt, wenn man rausgezogen wird, und wie es ist, zwei Taucher an der Leine rauszuziehen.
Claudia Meier, Tauchsport Nidwalden

Warum es sechs Leute braucht
Eistauchen ist Teamwork, und die Aufgaben sind auf drei Zweierteams verteilt. Weniger geht nicht.
- Zwei tauchen unter der Eisdecke, an der gemeinsamen Leine.
- Zwei stehen als Sicherungstaucher bereit, angezogen, ausgerüstet, an einer eigenen Leine – für den Fall, dass die erste Leine sich verhakt, reisst oder sich löst.
- Zwei arbeiten am Loch. Der eine führt die Leine und gibt nach oder holt ein. Der andere hält das Loch eisfrei und sorgt dafür, dass die Leine sauber ausgelegt bleibt.
Im Kurs kommt eine Person dazu: Die Tauchlehrerin ist beim Tauchgang mit dabei, zusätzlich zu den vier Personen, die sichern und die Leine führen.
Die beiden am Loch tragen selbst einen Trockenanzug oder mindestens eine Schwimmweste. Nicht aus Übervorsicht: Wer neben einem Loch im Eis arbeitet, kann hineinrutschen, und dann ist es besser, wenn er oben bleibt.
Die Aufgabe am Loch geht auch nie an Nichttaucher. Wer die Leine führt, muss verstehen, was unten passiert.
Ein gefrorener Seilknäuel bei minus zehn
Das saubere Auslegen der Leine klingt nach Ordnungsliebe und ist doch Sicherheit. Nasses Seil gefriert im Schnee. Was als lockere Schlaufe liegt, lässt sich später abziehen. Was als Knäuel liegt, wird zum Block – und den auseinanderzufriemeln, mit Fäustlingen, bei Wintertemperaturen, ist das Gegenteil von schnell.
Auf Berndeutsch heisst dieser Zustand: ein Gnusch im Fadechörbli. Am Eisloch will man ihn nicht.
Frieren gehört nicht dazu
Der Gedanke, unter Eis zu tauchen, klingt nach Kälte aushalten. Ist es nicht.
Ein Tauchgang dauert rund zwanzig Minuten. Das reicht. Dafür geht man mehrmals rein, solange Luft und Reserve stimmen – und die Pause an der Wärme dazwischen ist Teil des Konzepts, nicht ein Zugeständnis.
Der Rest ist Ausrüstung. Der Trockenanzug ist beim Eistauchen erste Wahl, und PADI empfiehlt ausdrücklich, ihn vorher gelernt zu haben. Deshalb ist die übliche Reihenfolge bei uns: zuerst der Trockentauchkurs, danach das Eistauchen.
Wer trotzdem schneller auskühlt als andere, dem hilft eine Heizweste. Wir führen sie im Laden und haben sie selbst getestet – nicht aus Frostbeuligkeit, sondern weil eine Instruktorin an einem Kurstag mit jedem Buddyteam ins Wasser geht und damit deutlich länger drin ist als alle anderen. Warme Gedanken nützen da herzlich wenig.

Und dann das Licht
Der eigentliche Grund, warum man das macht, kommt von oben.
Wenn die Sonne durch die Eisdecke fällt, steht man unter einer Fläche, die leuchtet. Ist es Schwarzeis – klares Neueis, das sich bei langer Kälte und wenig Wind bildet –, schaut man von unten durch das Eis hindurch nach draussen.

Dazu die Umgebung an der Oberfläche: ein Bergsee auf 1370 Metern, Schnee, Berge, Sonne. Mittags ein Fondue, danach nochmals rein oder gemütlich ausklingen lassen.

Was du dafür brauchst
Eistauchen ist ein Spezialkurs mit klaren Voraussetzungen: Advanced Open Water Diver oder gleichwertig und Mindestalter 18 Jahre.
Dazu kommt eine Anforderung, die von uns stammt und nicht von PADI: fünfzig Tauchgänge, vorzugsweise im See. Unter dem Eis soll niemand mehr über seine Ausrüstung nachdenken müssen. Das Material muss sitzen, und die Handgriffe im Trockenanzug müssen ohne Überlegen kommen – beides entsteht nicht in einem Kurs, sondern in Tauchgängen.
Der Kurs selbst besteht aus drei Ausbildungstauchgängen. Unter dem Eis gilt dabei ein Verhältnis von zwei Tauchschülern pro Tauchlehrerin.
Der Arnisee ist ein Stausee, das Tauchen dort bewilligungspflichtig. Wir holen die Bewilligung ein, schneiden das Loch, legen die Leinen – und bringen den Teilnehmenden bei, das alles selbst zu können.
Denn genau darum geht es: nicht mitgenommen zu werden, sondern es danach zu beherrschen.
