Es gibt einen Moment im Januar, den der Sommer nicht kennt. Du hängst auf vierzig Metern, schaust nach oben – und siehst den Mond. Nicht als Ahnung, sondern als Scheibe.
Warum die Sicht im Winter so weit reicht
Der Vierwaldstättersee ist tief und nährstoffarm. Er produziert wenig Algen, weshalb sein Wasser fast das ganze Jahr über sehr klar ist. Im Winter kommt dazu, dass das Plankton, das im Sommer für die grünliche Färbung sorgt, mit Licht und Wärme zurückgeht.
Im Sommer liegt zusätzlich eine Sprungschicht dazwischen, bei uns je nach Jahr zwischen acht und zwanzig Metern. Dort mischen sich warmes und kaltes Wasser, und das Bild flimmert, als schaue man durch Benzin. Im Winter fällt das weg. Das Wasser ist von oben bis unten gleich kalt, und der Blick läuft ungebremst durch.
Im Winter ist die Sicht einfach super. Aus vierzig Metern kannst du den Mondschein sehen.
Claudia Meier, Tauchsport Nidwalden
Die Fische sind nicht weg, sie sind umgezogen
Über zehn Metern ist in Schweizer Seen im Winter meist wenig los. Egli ziehen in grossen Schwärmen in der Tiefe umher, statt sich im Flachen zu verteilen.
Schuld ist nicht die Kälte allein. Fische sind wechselwarm: Sinkt die Wassertemperatur, sinkt ihr Stoffwechsel mit, und sie fressen entsprechend selten. Wer nur alle paar Wochen frisst, jagt nicht zum Vergnügen.
Dazu verschwindet die Einrichtung. Im Sommer wächst im flachen Wasser Kraut, weil dort Licht ankommt; zwischen den Pflanzen sitzen Kleinkrebse, Insektenlarven und Jungfische. Speisekammer und Sofa in einem. Im Winter zieht sich das zurück – und mit ihm der Grund, dort zu bleiben.
Wer trotzdem da ist
Der leere Eindruck täuscht. Wer genau hinschaut, findet Schwebegarnelen: durchsichtige Krebschen von wenigen Millimetern bis Zentimetern, die im Lampenlicht aussehen wie Glassplitter mit Beinen. Die Kälte ficht sie nicht an, im Gegenteil – es sind kaltliebende Arten, die sauerstoffreiches Wasser brauchen. Tagsüber stehen sie tiefer, nachts steigen sie auf. Wer im Winter nachts taucht, schwimmt mitten durch sie hindurch.
Und dann gibt es Verkehr in die Gegenrichtung. Seesaiblinge, hier Rötel genannt, stehen sonst tief. Zur Laichzeit zwischen Oktober und Januar kommen sie ins Flache und legen ihre Eier auf kiesigen Halden ab. Wo Laich liegt, sind Interessenten nicht weit: Trüschen etwa, die selbst im Winter laichen und den Grund absuchen. Man kann es ihnen nicht verdenken – ein gedeckter Tisch bei sechs Grad ist ein Argument.
Der See ist im Winter also nicht leer. Er ist anders belegt.
Zweimal im Jahr atmet der See durch
Zwischen den Jahreszeiten passiert etwas, das man unter Wasser spürt, ohne es zu sehen. Im Herbst kühlt die Oberfläche ab, bis sie schwerer ist als das Wasser darunter. Dann kippt die Schichtung, und der See mischt sich durch. Im Frühling dasselbe nochmals.
Das Wasserforschungsinstitut Eawag bezeichnet diesen Austausch als grundlegend für das Ökosystem: Sauerstoffreiches Oberflächenwasser gelangt nach unten, nährstoffreiches Tiefenwasser nach oben.
Interessant ist, dass der Vierwaldstättersee sich dabei nicht einig ist. Der Urnersee durchmischt sich wegen der windigen Verhältnisse rasch. Das Gersauer- und das Vitznauerbecken liegen windgeschützt – dort kommt es nur alle paar Jahre zu einer vollständigen Zirkulation. Derselbe See, verschiedene Rhythmen.
Was wir dabei messen
Am Hausriff in Hergiswil messen wir alle 30 Minuten an vier Stellen: in der Luft, an der Oberfläche, auf 15 Metern und auf 25 Metern. Dazu kommen zwei Unterwasser-Livecams auf rund vier Metern Tiefe.
Über ein Jahr zeigt sich genau das, was die Forschung beschreibt: Die Oberfläche macht die grossen Sprünge mit, die Tiefe kaum. Das Tiefenwasser in tiefen Seen bleibt ganzjährig bei etwa fünf bis sechs Grad. Was sich ändert, ist der Abstand dazwischen.
Das Unangenehmste ist nicht der Tauchgang
Im Januar ist der See oft wärmer als die Luft darüber. Wasser gibt seine Wärme langsam ab, Luft kühlt schnell aus. Der schwierige Teil sind deshalb die Minuten davor und danach:
- das Anziehen am Ufer, wenn der Wind geht
- die nassen Handschuhe beim Abbauen
- der Weg zum Auto in klammer Unterwäsche
Mit einem Trockenanzug verschiebt sich diese Rechnung erheblich. Du bleibst trocken, kommst trocken heraus und kannst so lange bleiben, wie es die Flasche zulässt. Das ist der Unterschied zwischen Wintertauchen und Winterfrieren.
Warum es sich lohnt
Es ist niemand da. Kein Betrieb am Einstieg, keine Boote, keine Badegäste, kein Stand-up-Paddler, der einem die Sicht durchpflügt. Das Wasser ist klar, der Grund liegt offen, und du teilst den See mit niemandem.
Wer den Vierwaldstättersee nur im Sommer kennt, kennt ihn halb.
