Drei Tauchlehrer sitzen im Rollstuhl und fahren durch den Regen über einen Parkplatz. Keiner von ihnen braucht einen. Genau das ist der Punkt.
Man lernt es nicht, indem man darüber liest
Im September haben wir den PADI-Kurs für Adaptive Techniques besucht, zu dritt: Karin, Claudia und ein Tauchlehrer aus einer anderen Schule. Drei Tage lang ging es nicht darum, wie man jemandem hilft. Es ging darum, selbst zu erfahren, wie sich Dinge anfühlen, die man sonst nie hinterfragt.
Zwei der drei Tage waren wir in Nottwil zu Gast, im Schweizer Paraplegiker-Zentrum: mit dem Hallenbad, einer Bahn mit Lift am Beckenrand und Rollstühlen aus dem Haus, damit der Rollentausch kein Spiel bleibt. Das SPZ hat uns Bad und Räume geöffnet und uns aufgenommen, als gehörten wir dazu. Dafür danken wir herzlich. Der dritte Tag gehörte dem See, am Hausriff in Hergiswil.
Ein Weg vom Parkplatz zum Wasser sieht anders aus, wenn man ihn rollend zurücklegt. Eine Schwelle, über die man sonst hinwegschreitet, ist plötzlich eine Entscheidung. Ein Einstieg, den wir seit Jahren benutzen, hat auf einmal Stellen, die wir nie beachtet haben.
Man kann das nicht theoretisch verstehen. Man muss es machen.

Adaptive heisst nicht Sondertauchen
Der häufigste Irrtum ist, dass es sich um ein anderes Tauchen handelt. Tut es nicht. Es ist dasselbe Tauchen, mit angepasster Technik.
Wer eine Hand nicht bewegen kann, lernt eine andere Art, den Automaten zu sichern. Wer die Beine nicht einsetzt, taucht mit den Armen. Wer Reize schlecht filtert, bekommt ein Briefing in einer anderen Reihenfolge und mehr Zeit zwischen den Schritten.
Das Ziel ist immer dasselbe: nicht mitgenommen zu werden, sondern selbst zu tauchen. Der Unterschied zwischen «wir helfen dir» und «du machst das» ist der ganze Unterschied.

Warum das zu uns passt
Wir haben nie in Gruppen unterrichtet. Keine Massenabfertigung, keine Schnellbrevets, keine sechs Fremden am Beckenrand. Zusammengelegt wird nur, wer sich kennt.
Das war nie als Inklusionskonzept gedacht, es ist einfach unsere Art zu arbeiten. Aber es stellt sich heraus, dass genau das die Voraussetzung ist. Wer individuell begleitet, kann auf die einzelne Person eingehen – und nichts anderes verlangt Adaptive Tauchen.
Eine Übung länger machen, wenn sie noch nicht sitzt. Eine Pause einlegen, wenn es zu viel wird. Den Ablauf umstellen, wenn die Reihenfolge nicht passt. In einer Gruppe von acht Leuten geht das nicht. Zu zweit geht es immer.
Eine Zertifizierung, die weitergegangen ist
Vor Kurzem durften wir eine junge Frau mit Trisomie 21 zum Open Water Diver zertifizieren. Die Lernkurve zu beobachten, war der spannendste Teil des ganzen Kurses.
Was danach passierte, hatte niemand geplant: Ein Elternteil hat im Anschluss gleich selbst den Open Water Diver gemacht – um sicherer mit der Tochter tauchen zu können.
Genau darum geht es. Nicht um einen betreuten Tauchgang, sondern um zwei Menschen, die gemeinsam tauchen. Beide brevetiert, beide selbstständig.
Für wen das gedacht ist
Nicht nur für Menschen mit einer Behinderung – Querschnittlähmung, Amputation, Sehbehinderung oder eine andere körperliche Einschränkung. Genauso für Menschen mit ASS oder ADHS, mit Depressionen, mit Angst- und Panikstörungen.
Unter Wasser gelten andere Regeln als an Land. Still ist es dort nicht: Im Roten Meer knuspern und knacken die Papageienfische am Riff, im Fluss rollen die Kieselsteine, und die Motoren der Schiffe hört man von weiter her, als man denkt. Was fehlt, ist das Gedränge, das Stimmengewirr und die Erwartung, dass man etwas sagt. Für manche Menschen ist genau das der erste Ort seit Langem, an dem sie zur Ruhe kommen.
Ob Tauchen im Einzelfall möglich ist, klärt die medizinische Selbstauskunft vor dem Kurs, bei manchen Themen zusammen mit einer Ärztin. Das ist kein Hindernis, sondern der normale Weg – und ein Ja auf dem Fragebogen bedeutet nicht Nein zum Tauchen. Es bedeutet, dass jemand mit Fachwissen hinschaut.
Was das Zertifikat bedeutet
Seit dem 6. September 2026 sind wir eine PADI Adaptive Service Facility – als erste und bislang einzige in der Schweiz.
Dahinter steht mehr als eine Urkunde. Verlangt werden geschultes Personal, zugängliche Räume und Einstiege, und das Angebot, auch Angehörige auszubilden: Der Adaptive Support Diver richtet sich an Partner, Kinder oder Freunde, die mittauchen wollen.
Das ist der Teil, der oft übersehen wird. Wer mit einer Einschränkung taucht, taucht selten allein – und wenn die Begleitung weiss, worauf es ankommt, wird aus einem betreuten Tauchgang ein gemeinsamer.
Für blinde und sehbehinderte Menschen ist die Begleitung sogar entscheidend. Sie führt die Hand zu dem, was man ertasten darf – das Pflänzchen, den Stein, die Muschel oder eben das Wrackteil – und hält sie fern von dem, was man nicht ertasten will, einen Rotfeuerfisch zum Beispiel. Zu wissen, was die Hände berühren dürfen, gehört darum zum Wissen der Begleitung.
Warum wir das machen
Weil wir überzeugt sind, dass alle Menschen die Unterwasserwelt entdecken dürfen.
Das ist keine grosse Geste. Es bedeutet nur, dass wir uns die Mühe machen, den Unterricht an den Menschen anzupassen statt umgekehrt. Für manche heisst das mehr Zeit, für andere eine andere Technik, für wieder andere einen ruhigeren Ablauf.
Und für alle dasselbe Ergebnis: Sie sind unter Wasser, schwerelos und leicht, und sehen und fühlen, was dort ist. Wer nicht sehen kann, sieht mit den Händen.
