Während andere in den Zoo gehen, in die Berge steigen oder sich auf die Pirsch legen, legen wir uns einfach ins Wasser. Und warten. Der Rest passiert von selbst.
Fische sind Wildtiere
Das vergisst man leicht, weil man sie meist auf dem Teller oder hinter Glas sieht. Im See sind sie das, was ein Reh im Wald ist: Sie entscheiden, ob sie sich zeigen. Man kann sie nicht bestellen, nicht füttern, nicht auswählen.
Wer sich am Hausriff auf den Grund legt und ruhig bleibt, bekommt nach ein paar Minuten Besuch. Nicht weil man interessant wäre, sondern weil man aufgehört hat, eine Störung zu sein.
Wer regelmässig da ist
Die Namen sagen den meisten wenig, bis man sie einmal gesehen hat:
- Hecht – Standjäger, wartet regungslos zwischen den Pflanzen
- Egli, auch Flussbarsch – zieht in Schwärmen, im Winter in der Tiefe
- Rotauge und Hasel – die Schwärme, durch die der Hecht zieht
- Schleie – goldbraun, gründelt am Boden, gilt als scheu
- Groppe – kleiner Bodenfisch ohne Schwimmblase, sitzt einfach da
- Sonnenbarsch und Kaulbarsch – beide unauffällig, beide öfter da als gedacht

Und dann das, was man erst beim zweiten Blick sieht
Interessant wird es, wenn man aufhört, nach Fischen zu suchen.
Auf dem Grund laufen winzige rote Punkte umher. Das sind Wassermilben – Verwandte der Spinnen, mit acht Beinen, wenige Millimeter gross. Harmlos für uns, weniger harmlos für Wasserflöhe und Insektenlarven: Die werden angestochen und ausgesaugt, zurück bleibt die leere Hülle.
Daneben ragen schwarze Fäden aus kleinen Öffnungen im Sediment und bewegen sich. Tippt man vorsichtig dagegen, verschwinden sie schlagartig. Das sind Schlammröhrenwürmer. Sie bauen sich eine Röhre aus Sand und Schlamm, stecken mit dem Kopf darin und wedeln mit dem Hinterende Frischwasser heran. Was du siehst, ist also das andere Ende – und es zieht sich ein, sobald etwas es berührt.
Dazu Schnecken, Muscheln und die Larven der Köcherfliegen, die sich aus Sandkörnern und Pflanzenteilen ein Gehäuse bauen und es mit sich herumtragen.



Die Begegnungen, die man nicht plant
Und dann gibt es die Tage, an denen etwas auftaucht, das dort nicht sein sollte.
Ein Aal – selten geworden, wir haben ihn erst einmal gesehen. Ein sehr grosser Felchen auf zehn Metern im Februar, offensichtlich verirrt; Felchen stehen normalerweise tiefer und im Freiwasser. Eine Forelle im Winter, mit der niemand gerechnet hatte.
Und einmal, bei einem Nachttauchgang im Herbst, eine Süsswasserqualle im Lampenkegel. Ja, im Vierwaldstättersee. Craspedacusta sowerbii lebt fast das ganze Jahr als winziger Polyp und bildet nur bei warmem Wasser den durchsichtigen Schirm, keine zwei Zentimeter gross. Sie besteht zu über 99 Prozent aus Wasser – bei Tageslicht übersieht man sie, im Lichtkegel leuchtet sie auf.
Im Winter wiederum stehen Schwebegarnelen im Licht wie Glassplitter mit Beinen. Ihnen macht die Kälte nichts aus.
Warum das kein Aquarium ist
In einem Zoo bekommst du, was auf der Tafel steht. Hier bekommst du, was gerade da ist.
Manchmal ist das ein Hecht auf Armlänge. Manchmal eine Stunde Kraut und Schnecken. Beides ist ein guter Tauchgang, und genau darin liegt der Unterschied zur Vorführung: Es ist nicht für dich gemacht.
Wer zwanzig Mal am selben Platz taucht, sieht zwanzig verschiedene Seen. Das ist der eigentliche Grund, warum wir nach Jahren immer noch dieselbe Stelle betauchen.
Was du dafür brauchst
Geduld und die Bereitschaft, langsam zu sein. Wer durchs Wasser pflügt, sieht Sediment. Wer sich hinlegt und wartet, sieht den See.
Das ist auch der Grund, warum wir geführte Tauchgänge in kleiner Besetzung machen. Zu zweit oder zu dritt kann man stehenbleiben, wenn etwas passiert. In einer Gruppe von acht muss man weiter.
