«Geht schon» hört man an jedem Einstieg: wenn die Maske drückt, die Flasche nicht ganz voll ist oder der Kopf noch im Büro steckt. Meistens geht es dann auch. Genau das macht den Satz so gefährlich.
Zwei erfahrene Taucher, ein Bergsee, kein Check
Zwei Tauchclubs fahren gemeinsam an einen Bergsee auf über 2500 Metern. Zwei erfahrene Taucher, die sich dort zum ersten Mal begegnen, bilden ein Team. Keiner kontrolliert die Ausrüstung des anderen, Vorhaben und Notfälle besprechen sie nicht eingehend.
Auf rund 45 Metern bläst ein Atemregler des einen ab, vermutlich vereist. Er wechselt selbst auf seinen zweiten und zeigt dem Partner den abblasenden. Der will helfen, greift ans fremde Gerät und schliesst versehentlich das falsche Ventil: das des Atemreglers, aus dem sein Partner gerade atmet. Dieser schluckt Wasser, verliert die Kontrolle und steigt in rund einer Minute auf. Er erleidet ein Dekompressionstrauma und bleibt gelähmt.
2008 entschied das Bundesgericht über die Versicherungsleistungen. Für diese Tiefe ausgebildet und erfahren genug waren beide, so die Experten. Ungenügend war die Vorbereitung: kein eingehendes Gespräch über Vorhaben und Notfälle, keine gegenseitige Kontrolle der Ausrüstung. Dass der Partner das ihm unbekannte Gerät falsch bediente, war für das Gericht weder aussergewöhnlich noch unvorhersehbar. Die Suva durfte ihre Geldleistungen um die Hälfte kürzen.
Es fehlten genau die Schritte, die man mit «geht schon» gern überspringt.
Die Hauptursache sitzt im Kopf
In der Repetition zum eLearning des Rescue-Kurses lautet die erste Frage: Was ist die Hauptursache für Notfälle beim Tauchen? Schlechtes Wetter, defekte Ausrüstung, eine unvorhersehbare Erkrankung? Richtig ist: schlechtes Urteilsvermögen. Wie man Probleme verhindert, kommt kurz danach: Ausrüstung pflegen, vorausdenken, Unerwartetes einplanen, auch kleine Probleme nicht ignorieren.
«Geht schon» ist das Gegenteil davon. Es klingt nach Gelassenheit und ist eine Risikoeinschätzung ohne Daten. Kein besserer Atemregler hilft gegen einen Entscheid, den am Ufer niemand als Entscheid bemerkt.
Was ein Kurs mit Risikomanagement zu tun hat
Die Unfallforschung zeigt, wie solche Entscheide weiterwirken. Das Divers Alert Network (DAN) hat 947 tödliche Tauchunfälle ausgewertet und, wo möglich, als Kette beschrieben: Auslöser, Folge, Verletzung, Todesursache. Am Anfang stand am häufigsten zu wenig Atemgas (41 Prozent), als nächstes Glied am häufigsten ein Aufstieg in Not (55 Prozent). Wer das erste Glied erkennt, kann die Kette früh unterbrechen.
Risiko hat zwei Stellschrauben: wie wahrscheinlich ein Problem ist und wie schlimm es wird, wenn es kommt. «Geht schon» dreht an keiner davon. Ein guter Kurs dreht an beiden. Er holt Entscheide an Land: Umkehrpunkt, Abbruchkriterien, wer im Notfall was tut. Und weil Stress die Wahrnehmung verengt und das Denken bremsen kann, übt er die Handgriffe, damit sie auch dann abrufbar sind. Unter Wasser entscheidet niemand besser als an Land, nur schneller.
Dazu kommt ein Effekt, den die Soziologin Diane Vaughan nach dem Challenger-Unglück beschrieben hat: Jede Abweichung, die gut ausgeht, wird ein Stück normaler. Wer zehnmal mit «geht schon» abgetaucht ist, hört beim elften Mal keinen Alarm mehr.
Rescue: hinschauen, bevor es eng wird
Der Rescue-Kurs heisst nach der Rettung, beginnt aber beim Hinschauen. Wer vor dem Tauchgang stiller ist als sonst, ist vielleicht gestresst – man spricht ihn unter vier Augen an. Wer an der Oberfläche strampelt, die Maske herunterreisst, den Atemregler ausspuckt und nicht auf Zurufe reagiert, ist wahrscheinlich in Panik. Dann heisst es: ausserhalb seiner Reichweite stoppen, beurteilen, erst dann handeln. Die eigene Sicherheit geht vor, auch im Interesse des Opfers. Zwei Verunfallte helfen niemandem.
Vom Seeufer aus gilt eine Reihenfolge: etwas reichen, etwas zuwerfen, waten, ein Boot nehmen. Hinschwimmen kommt zuletzt.
Vor allem aber zeigt der Bergsee, dass gut gemeinte Hilfe schaden kann, wenn der Helfer das fremde Gerät nicht kennt. Bei uns trainierst du die Szenarien am Vierwaldstättersee, bis die Handgriffe sitzen. Wie wichtig das Hinschauen ist, zeigen die DAN-Jahresberichte aus den USA und Kanada: Die meisten tödlich verunglückten Taucher waren mit einem Buddy losgetaucht. Wird einer vermisst, kann das heissen, dass niemand seine Probleme bemerkt hat.
Self-Reliant: wenn niemand hinschaut
Self-Reliant-Tauchen heisst nicht, allein zu tauchen.
PADI, Kursleitfaden Self-Reliant Diver (übersetzt)
Der Kurs ist für alle, die allein tauchen wollen – und für alle, die als Buddy niemanden brauchen möchten, der sie rettet. Kern ist eine eigene, unabhängige Ersatzluft: Ponyflasche, Doppelgerät mit Absperrventil oder Sidemount, mit einer Hand erreichbar. Der Oktopus zählt nicht, er hängt an derselben Flasche. Dazu kommen ein Gasplan mit Reserve, ein Umkehrpunkt nach Druck und nach Zeit – was zuerst eintritt, gilt – und ein Zettel zu Hause: wohin, bis wann zurück, was bei Verspätung zu tun ist.
Im Bergsee-Fall hatte der Verunfallte einen zweiten Atemregler mit eigenem Ventil und wechselte selbst. Redundanz schützt aber nur, wenn auch der Buddy weiss, wie sie aufgebaut ist. Die drei Kurstauchgänge machen wir am Hausriff in Hergiswil. Voraussetzung sind 18 Jahre, Advanced, 100 geloggte Tauchgänge und eine Eingangsprüfung im Wasser.
Rescue oder Self-Reliant? Beides.
Rescue kommt früher, nach dem Advanced und einem Erste-Hilfe-Kurs (EFR). Self-Reliant folgt, wenn hundert Tauchgänge im Logbuch stehen. Beide Kurse setzen bei denselben fünf Fertigkeiten zur Selbstrettung an: Tarierung, Atemwegskontrolle, Krampf lösen, Luftnotfall meistern, mit Schwindel umgehen. Und in beiden gilt im Notfall dieselbe Reihenfolge: stoppen, atmen, denken, handeln.
Statt «geht schon» vor dem nächsten Tauchgang fünf Fragen:
- Bin ich heute fit für genau diesen Tauchgang?
- Kenne ich die Ausrüstung meines Buddys so gut wie meine eigene?
- Bei welchem Druck und nach welcher Zeit kehren wir um?
- Was tun wir, wenn einem die Luft ausgeht?
- Weiss jemand an Land, wann wir zurück sein müssen?
Wer eine davon mit «geht schon» beantwortet, hat sie nicht beantwortet.
